Länder wie China oder Israel setzen auf Tracking, die deutsche App beruht auf Tracing. Der Unterschied zwischen Tracking und Tracing ist nur wenig bekannt. Mal hört man im Zusammenhang mit der Corona-App den Begriff Tracking-App, dann wieder Tracing-App. Den Begriff Tracking kennen viele von ihrem Browser, aus dem Online-Marketing und von GPS-Geräten, Tracking bedeutet tatsächlich verfolgen. Beim Tracing hingegen geht es nicht ums Verfolgen, sondern ums Ermitteln.“ Statt Aufenthaltsorte und Bewegungsprofile zu speichern, registriert die deutsche Corona-App lediglich, welche Geräte sich für mindestens 15 Minuten näher als zwei Meter kommen. Dafür scannen die Smartphones alle paar Minuten die Umgebung und kommunizieren mit anderen Handys. Wer positiv auf Sars-CoV-2 getestet wird, kann die lokal gespeicherten Daten freigeben. Dann werden Kontaktpersonen per Push-Nachricht aufgefordert, sich testen zu lassen. Sie erfahren, an welchem Tag die Begegnung stattgefunden hat, nicht aber die genaue Uhrzeit. Zusätzlich enthält die Benachrichtigung einen Risikowert, der von vier Faktoren bestimmt wird: wie lange der Kontakt zurückliegt, wie lange die Begegnung dauerte, wie stark das Bluetooth-Signal war und wie die Krankheit des Infizierten verläuft.
Das klingt alles zunächst einmal sehr schlüssig, die Sache hat nur einen sehr entscheidenenden Haken: Die Technik! Das technische Konzept von Google und Apple für eine Corona-Warn-App kann nach Einschätzung von Branchenexperten auf vielen älteren Smartphone-Modellen nicht umgesetzt werden. Die Funk-Technik “Bluetooth Low Energy” werde von rund zwei Milliarden Geräten weltweit nicht unterstützt, sagte Neil Shah, Analyst beim Marktforschungsunternehmen Counterpoint Research, der “Financial Times”. Auf jedem vierten Smartphone funktioniert demnach die moderne Bluetooth-Variante nicht.
Hinzu kommt, dass Buetooth erhebliche Sicherheitsmängel aufweist: Die Grundlage der Corona-Warn-App bildet eine offene Bluetooth-Schnittstelle, die Apple und Google bereits im Mai in die jeweiligen Betriebssysteme implementiert haben. Seit Mitte Mai ist die Kontaktverfolgungs-API der Corona-App freigegeben (Apple iOS ab Version 13, Google Android ab Version 6). „Bluetooth gehört nicht zu den sichersten Möglichkeiten“, erläutert Tulinska das Risiko. „Diese Technologie wurde nie für das Tracing entwickelt. Der eigentliche Zweck war immer der Datenaustausch aus kurzer Entfernung.“ Wer die Corona-App nutzen möchte, muss Bluetooth dauerhaft aktivieren. „Erst vor wenigen Monaten wurde eine Sicherheitslücke im Bluetooth-Stack von Android gefunden“, warnt Patrycja Tulinska, Geschäftsführerin des Security-Spezialisten PSW GROUP. „Wenige Wochen ist es her, dass Sicherheitsexperten eine weitere Lücke veröffentlichten, die nahezu alle Geräte betrifft.“
Viele Menschen haben nur ein einfaches Handy, oder gar kein Mobiltelefon. “Die grundlegenden technologischen Einschränkungen liegen in der Tatsache begründet, dass immer noch etliche Telefone in Gebrauch sind, die nicht über die notwendige Bluetooth-Variante oder das neueste Betriebssystem verfügen”, sagte Ben Wood, Analyst beim Marktforschungsunternehmen CCS Insight.
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